Gastbeitrag Biokunststoffe


Bio ist nicht gleich Bio, mehr noch als bei anderen Produkten gilt dies für Biokunststoffe. Herr Senn, ehemaliger Geschäftsführer der Folag AG (weitere Informationen zum Autor am Ende des Textes), war so freundlich einen Überblick über diesen schwierigen Themenbereich für poopmap.de zu erstellen:


Ein paar Fakten zu biologisch abbaubaren Beuteln und Beuteln aus nachwachsenden Rohstoffen:


Was ist ein Biokunststoff?

Die Verwirrung entsteht oft dadurch, daß sowohl biologisch abbaubare Polymere (Bsp.: Mater-Bi) als auch herkömmliche Polymere, die unter Verwendung nachwachsender Rohstoffe (Bsp.: I’m green Polyethylen) hergestellt werden, als Biokunststoffe bezeichnet werden. Ersteres bezieht sich auf die besondere Verwertungsmöglichkeit der Produkte (also: biologisch abbaubar), letzteres auf den Ursprung des Materials (also: aus nachwachsenden Rohstoffen vs. aus fossilen Quellen wie Erdöl oder Erdgas etc.).


Mit beiden Anforderungen werden gewisse Umweltherausforderungen adressiert. Bei der biologischen Abbaubarkeit ist dies vor allem eine sinnvolle Entsorgung unserer Abfälle (über thermische Verbrennung und ergänzend auch die Kompostierung oder anaerobe Vergärung) und eine „Lösung“ des Littering Problems (insbesondere auch das maritime Littering). Daneben gibt es auch Anwendungen, wo die Abbaubarkeit eine primäre Funktionalität hat. Beispielsweise selbstauflösende Operationsfäden in der Chirurgie, Geschirrtabs Verpackungen im Haushalt oder Mulchfolien in der Landwirtschaft.  Bei den nachwachsenden Rohstoffen in erster Linie die Schonung knapper Ressourcen (Öl etc.) und eine Reindustrialisierung Europas (inkl. Förderung des primären Sektors). Kurzum: beides ist sinnvoll. 


Dass beide Ansatzpunkte mit ein und demselben Begriff angesprochen werden, ist unglücklich. Aus der Schweiz kommt der gute Vorschlag, Polymere, die unter Verwendung nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden, als Agro-Kunststoffe statt Bio-Kunststoffe zu bezeichnen. Ob sich so etwas durchsetzen wird, ist allerdings fraglich.

Biokunststoffe der neuesten Generation

Für den Bereich klassischer Verpackungen möchte man biologisch gut abbaubare Werkstoffe aus mehrheitlich nachwachsenden Rohstoffen herstellen. Dies in einer Art und Weise, dass trotz der Abbaubarkeit und der nachwachsenden Rohstoffe gute und mit herkömmlichen Werkstoffen vergleichbare Eigenschaftsprofile entstehen. D.h. der Verbraucher soll bei den klassischen Verpackungsfunktionen (Schutz des Gutes, Transport, Ummantelung und Bündelung, etc.) nicht eingeschränkt werden. Auch soll nicht mehr Material verwendet werden müssen, als man heute einsetzt. Gleichzeitig aber wird die Nachhaltigkeit im Sinne der oben erwähnten Kriterien (Entsorgungsmöglichkeiten, Reindustrialisierung, Schutz knapper Ressourcen, Littering, etc.) verbessert.


Bei der Entwicklung solcher Werkstoffe wurden gerade in den letzten Jahren signifikante Verbesserungen erzielt. So fertigen wir beispielsweise heute kompostierbare Tragetaschen mit einem Anteil nachwachsender Rohstoffe von >65%, welche den Vergleich mit Tragetaschen aus Polyethylen nicht zu scheuen brauchen.


Sonderfall Green-PE: Bei „Green PE“ (I’m green Polyethylen) handelt es sich um ein Polyethylen, das aus Zuckerrohr hergestellt wurde. Die Herstellung erfolgt in Brasilien. Der Ansatz ist grundsätzlich insofern begrüssenswert, als man ein Polyethylen hat, welches nicht aus fossilen Ausgangsstoffen, sondern aus pflanzlichen Materialien gewonnen wurde. Man hat also denselben, altbekannten und bestens bewährten Werkstoff Polyethylen mit all seinen mechanischen Vorzügen, nur eben ein bisschen nachhaltiger. Ebenso ist „Green PE“ im Vergleich zu bioabbaubaren Rohstoffen etwas preiswerter.


Allerdings wird auch „Green PE“ nicht zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, trägt nichts zum Thema „Förderung des primären & sekundären Sektors in Europa“ bei, hilft nicht beim Littering und lässt sich weder durch Kompostierung noch durch Vergärung entsorgen. Angelastet wird dem Material ferner, dass es zwar nachhaltiger im Sinne eines weitgehenden Verzichts auf fossile Rohstoffe ist, dafür in Brasilien hergestellt wird (Transportweg, Regenwaldproblematik, Wasserverbrauch, usw.). Letztere Punkte sind mitunter an den Haaren herbeigezogen und natürlich eine Frage der Bewertung in der Ökobilanz

Es geht nur mit PE?

Die Annahme, man könne nur mit Polyethylen, wasserfeste, reißfeste, elastische und leichte Folien herstellen ist falsch, man kann das auch mit anderen Polymeren, und zwar mit solchen, die auch noch vollständig biologisch abbaubar sind. Wenn diese Polymere heute kommerziell noch nicht zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden können, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche Produkte angeboten werden. Zum Ersatz klassischer „Sekundärverpackungen“ aus PE gibt es biologisch abbaubare Folien mit einem Anteil an nachwachsenden Rohstoffen von mehr als 60% (in der Regel Stärke, Copolyester, PLA Blends). Folien aus PLA haben einen NaWaRo Anteil von deutlich über 80%.

Entsorgung und Kaskadennutzung

Die Kaskadennutzung von Kunststoffen ist ein sinnvoller Ansatz: erst wird daraus ein nützliches Produkt, z.B. ein Beutel, gefertigt, danach wird er (energetisch) verwertet. Sowohl Beutel aus Erdöl als auch Beutel aus nachwachsenden Rohstoffen können energetisch verwertet werden, d.h. beide brennen gut.


Wenn jedoch der Inhalt deutlich schwerer ist als der Beutel und dazu noch problemlos biologisch abbaubar, sollte man besser für den Inhalt die ökologisch sinnvollste Verwertung suchen. Meist ist dies die Vergärung/Kompostierung, die nach einer deutschen Umweltbilanz ökologisch sinnvoller als die Verbrennung ist.


Ob die Entsorgung über die Kompostierung oder die anaerobe Vergärung von den Entsorgern gewünscht wird, ist von Land zu Land unterschiedlich. Mitunter variieren die Entsorgungssysteme, Anreizstrukturen usw. deutlich. Insbesondere wird es schwierig, wenn Konsumenten konventionelle PE Verpackungen mit Bioverpackungen mischen oder verwechseln. Dieses Problem ist noch nicht gelöst.


Der Beutel aus Polyethylen stört in jedem Fall bei der Vergärung oder der Kompostierung, weil er nicht abgebaut wird und als Fremdstoff mühsam aus dem Kompost ausgesiebt werden muss.

Kompostierung?

Bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden von Experten der Umweltwissenschaften Prüfverfahren und Normen zur Bestimmung der biologischen Abbaubarkeit und Kompostierbarkeit von polymeren thermoplastischen Werkstoffen, umgangssprachlich Kunststoffen, entwickelt. Diese sind heute weltweit anerkannt und werden auch in einschlägigen Gesetzen zitiert. Die bekannteste Norm heißt EN13432.


Neben der seit Jahren üblichen Prüfung und Zertifizierung biologisch abbaubarer und kompostierbarer Folien gibt es auch eine Vielzahl von Praxistest in Kompostierungsanlagen in der ganzen Welt, die die biologische Abbaubarkeit und darüber hinaus die Kompostierbarkeit bestätigen – diese steht somit zweifelsfrei fest.


Falls doch mal ein Beutel in der Natur liegen bleiben sollte, so ist das kein Problem wenn er aus einer biologisch abbaubaren Folie hergestellt wurde, weil dieselbe Folie auch in der Landwirtschaft zur Unkrautunterdrückung eingesetzt wird und nach der Ernte im Boden abgebaut wird.


Zum Autor

Reto Senn war 2003-2013 Geschäftsführer der Folag AG. Die Folag ist einer der letzten verbleibenden Hersteller (nicht Händler) von Hundekotbeuteln in Europa. In der Tat stammt sogar die Entwicklung erster Dispensersysteme von Hundekotbeuteln in den 80’er und 90’er Jahre aus unserem Haus. Entsprechend lange fertigen wir auch die Beutel.

 

Die Folag produziert sowohl Verpackungsprodukte aus Polyethylen und anderen klassischen thermoplastischen Werkstoffen (PP, PA, EVA, etc.), wie auch solche aus rezykliertem Polyethylen und aus Biowerkstoffen. In der Tat fertigt man rund 50x mehr Menge aus Polyethylen wie aus Biowerkstoffen. Auch das Volumen aus rezykliertem Polyethylen ist ca. 10x grösser. Man hat entsprechend kein Interesse den Biowerkstoffen irgendeinen Vorzug zu geben. In der Tat ist es sogar so, dass sich viele Verpackungsanwendungen beim aktuellen Stand der Technik noch gar nicht sinnvoll aus Biowerkstoffen herstellen lassen. 



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